Johannes Ganzenmüller

Capture One, Profianwendung ohne Abozwang

Veröffentlichungsdatum Lesezeit 6 Minuten zum Lesen

Capture One richtet sich in erster Linie an Profifotografen und stellt sich selbst als High-End-Lösung dar. Das wird auch beim Preis sichtbar, denn es ist mit Abstand der teuerste RAW-Konverter in meinem Test. Durch vergünstigte Varianten für einige Kamerahersteller oder sogar kostenlose, abgespeckte Versionen für Sony- und Fuji-Kameras ist es für Hobbyfotografen dennoch ein Blick wert.

Wie es sich in meinen Augen geschlagen hat und welche Besonderheiten es gibt, verrate ich dir in diesem Artikel.

Ethik-Hinweis: Ich habe das Programm aus Eigeninteresse getestet und die nachfolgenden Punkte entsprechen meiner eigenen Meinung und Erfahrung. Ich habe keine Geschäftsbeziehung zum Hersteller, noch habe ich irgendeine Gegenleistung bekommen.

Varianten und Preis

Bei Capture One gibt es sehr viele unterschiedliche Möglichkeiten und Varianten, wodurch die Preise auf den ersten Blick zwar recht undurchsichtig sind, aber du dadurch eben auch sehr viele Möglichkeiten hast und es für jeden etwas Passendes dabei sein sollte.

Grundsätzlich gibt es bei Capture One die Möglichkeit die Software zu kaufen oder zu mieten. Beim Kauf besitzt du die Softwareversion, kannst sie beliebig lange nutzen und bekommst kleinere Updates (z.B. kleinere Funktionsverbesserungen oder Sicherheitsupdates) kostenlos zur Verfügung gestellt. Sollte jedoch eine neue “große” Version von Capture One erscheinen, was bisher jährlich der Fall war, und du die Neuerungen davon haben möchtest, musst du kostenpflichtig upgraden bzw. die neue Version kaufen. Bei der Mietvariante zahlst du monatlich einen Betrag und hast immer Zugriff auf die aktuellste Version des Programmes.

Fangen wir am oberen Ende der Preisliste an: Die umfangreichste Version von Capture One, die den Namen “Pro” trägt, kostet 349€ beim Kauf oder im Abomodell monatlich 24€. Hier möchte ich noch den Hinweis geben, dass du die Version bei einigen Fotohändlern in Kombination mit dem Kauf einer Kamera oder eines Objektives vergünstigt bekommen kannst.

Für Sony, Fuji und Nikon bietet Capture One zudem jeweils eine Variante der Pro-Version an, mit der du ausschließlich RAW-Dateien des einen Herstellers entwickeln kannst. Gerade wenn du nur Kameras eines Herstellers hast und nicht planst das System zu wechseln, kannst du damit Geld sparen, denn abgesehen von der Limitierung auf den Hersteller ist der Funktionsumfang identisch zur Pro-Version. Diese Versionen, mit den Namen “Capture One for Sony”, “Capture One for Fuji” und “Capture One for Nikon”, kosten beim Kauf 229€ oder im Abo monatlich 18€.

Zusätzlich gibt es für Sony und Fuji noch jeweils eine kostenlose Variante mit dem Namen “Capture One Express”. Diese ist natürlich vom Funktionsumfang deutlich reduziert, aber die normale RAW-Entwicklung ist damit in jedem Fall möglich.

Für meinen Test habe ich die Variante “Capture One Express for Sony” installiert, da mich stark interessiert hat, was kostenlos geboten wird. Im Nachgang habe ich aber auch noch Gebrauch des 30tägigen Testzeitraums der Pro-Variante gemacht um zu sehen, wo die Unterschiede liegen. Die offizielle Liste der Unterschiede findest du übrigens auf der Hersteller-Seite.

Erster Eindruck

Nach der Installation des Programmes musste ich einen Lizenzschlüssel eingeben, mit dem bestimmt wird, welche Features ich nutzen kann. Jede Version hat dabei seinen eigenen Schlüssel, die installierten Daten bleiben jedoch die Gleichen. Will ich beispielsweise “Capture One Express for Sony” und “Capture One Express for Fuji” parallel nutzen, muss ich nichts anderes installieren, aber immer wieder den hinterlegten Lizenzschlüssel ändern.

Import von Capture One

Nach dem Import werden die Bilder in einer Filmrollen-Ansicht, sprich eine große Vorschau in der Mitte und alle anderen scrollbar unten. Es lässt sich aber auch zu einer Kachelansicht wechseln, sodass niemand etwas vermissen dürfte. Was ich interessant finde, ist, dass nach dem Import noch einige Optimierungen vorgenommen werden und daher ein entsprechender Fortschrittsbalken angezeigt wird, Änderungen können aber trotzdem schon vorgenommen werden.

Meine bisherigen Bildbewertungen wurden erfolgreich übernommen, die Farblabels und Bearbeitungsinformationen aus Camera Raw fehlen jedoch. Wie auch bei den anderen Programmen im Test, bin ich nicht davon ausgegangen, dass die Bearbeitungsinfos von einem anderen Hersteller übernommen werden und denke, dass sich das mit den Farblabels prinzipiell lösen lassen würde. Leider gibt es dafür nämlich keinen einheitlichen Standard, sodass ein Programm beispielsweise “Blue” und ein anderes “Blau” erwartet. Ich müsste also herausbekommen, welche Werte Capture One (oder eines der anderen Programme) versteht und meine Ausgangsdaten vor dem Import entsprechend anpassen.

Weil ich die “for Sony”-Version teste, haben die Bilder aus meiner Nikon-Kamera ein kleines Icon und alle Bearbeitungsmöglichkeiten sind ausgegraut. Angezeigt werden sie aber problemlos, sodass ich sie tendenziell in der Bildverwaltungen haben könnte.

Katalogansicht in Capture One

Die Oberfläche lässt sich in der Express-Version zu einem gewissen Grad anpassen, beispielsweise ob die Entwicklungseinstellungen auf der rechten oder linken Seite sind. Ich persönlich finde sie auf der rechten Bildschirmseite angenehmer, weswegen ich es entsprechend umgestellt habe. In der Pro-Variante lassen sich dann noch deutlich mehr Anpassungen an der Oberfläche vornehmen.

RAW entwickeln

Die Anordnung der Bearbeitungsoptionen finde ich sinnvoll und denke, gerade die Wahl der kleinen Icons an den Reitern ist sehr passend. Zumindest erschloss sich mir auf den ersten Blick wo ich etwas finden kann und daher ging die Entwicklung eines Bildes recht zügig.

RAW-Entwicklung in Capture One

Über eine Tastenkombination, oder Betätigung eines Buttons, konnte ich mir jeweils die Auswirkungen der gerade vorgenommenen Änderungen oder einen Vorher-Nachher-Vergleich des gesamten Bildes anschauen.

An vielen der Einstellungen gibt es die Möglichkeit vordefinierte Werte zu nutzen, die du natürlich auch selbst definieren kannst, also ein Preset für eine einzelne Option anstatt für den kompletten Look. Den kompletten Look kannst du aber natürlich auch, über sogenannte Styles, mit einem Klick ändern und dir hier ebenfalls eigene Vorlagen erstellen. Ansonsten lassen sich einzelne oder mehrere Bearbeitungsschritte von einem Bild auf andere Bilder kopieren.

Der Export des fertigen Bildes als JPG-Datei hat etwas gedauert, war aber noch im Rahmen und denke an der Stelle zu warten ist vollkommen ok. Insgesamt muss ich sagen, dass aus meiner Sicht Capture One am flüssigsten auf meinem Computer funktioniert hat und ich kaum auf die Berechnungen warten musste.

Unterschiede der Pro-Version

Die Unterschiede zwischen der Express- und der Pro-Version sind eigentlich nicht extrem groß, aber bieten schon sehr viel mehr Möglichkeiten und Unterstützung bei der Entwicklung der RAW-Datei.

Die aus meiner Sicht größten Funktionen, die mit der Pro-Version freigeschaltet werden, sind:

Abgesehen von den gerade genannten Punkten kommen mit der Pro-Version auch viele kleinere Annehmlichkeiten, wie beispielsweise die Anpassbarkeit des Bearbeitung-Layouts und ein Schiebemodus in der Vorher-Nachher-Ansicht. Für sich alleine genommen vermutlich kein Grund den doch schon hohen Preis zu bezahlen, in der Summe machen sie Capture One aber in jedem Fall deutlich runder und benutzerfreundlicher.

Fazit

Das Programm hat mich begeistert. Es ist einfach zu bedienen, lässt dennoch keine Wünsche übrig und läuft auf meinem Computer sehr flüssig.

Bei der Bildmanipulation hat es sicherlich Defizite gegenüber dem Bundle aus Lightroom und Photoshop, aber verglichen mit den reinen RAW-Konverter-Anwendungen bietet es in der Pro-Version Retuschewerkzeuge die zu den besseren gehören. Für größere Bildmanipulationen müsstest du dann jedoch auf ein “richtiges” Bildbearbeitungsprogramm zurückgreifen.

Preislich ist es das teuerste Programm, das ich mir angeschaut habe. Durch die Wahl der “for Sony”-Version würde ich etwas Geld sparen können, aber eben auch darauf verzichten, meine bisherigen Bilder, mit der Nikon, oder Bilder von anderen, die eben nicht mit einer Sony fotografiert worden sind, damit anfassen zu können.

Die Mietvariante macht aus meiner Sicht für Hobbyfotografen keinen Sinn, da sie viel teurer als Lightroom ist und das Abo von Adobe mit Photoshop sogar noch ein zweites hervorragendes Produkt aufbieten kann. Die Kaufvariante hat in meinen Augen jedoch seinen Reiz. Ich sehe schon, das wird eine schwere Entscheidung.

Die Pro-Version von Capture One spielt bei den RAW-Konvertern definitiv vorne mit, aber auch die kostenlose(!) Express-Version finde ich sehr gut und kann ich empfehlen. Für den Fall, dass du jetzt mehr über Capture One erfahren oder es selbst einmal testen möchtest, findest du auf Youtube ein sehr gutes Einsteigertutorial von Neunzehn72, das ich sehr hilfreich und angenehm erklärt fand.